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Bereits um 8:10 Uhr sind erste Gesichter mit vollem Gepäck und in Wanderlaune am Bahnhof Aar-au erschienen. Am Anfang waren wir nur zu zweit, bis sich dann auch noch ein dritter Vollgepackter zur kleinen Schar gesellte. Obwohl Ramon bereits im vierten Lehrjahr ist und als Fotograph, wie auch Drohnenpilot mit dabei war, kam die Information über eine spätere Abreise erst am Diens-tagmorgen früh bei ihm an.

Unter der grossen Uhr am Aarauer Bahnhof war der eigentliche Besammlungsplatz, jedoch waren wir nicht die einzigen Wartenden. Das Unihockeylager von Aarau musste sich natürlich am selben Ort, um dieselbe Zeit treffen und später mussten wir uns auch noch mit ihnen dasselbe Abteil teilen.

Als dann nach und nach die Ausbildner, wie auch die restlichen Berufslernenden eintrudelten, konnte es losge¬hen. Erste Station: Gleis 5, vorderster Wagen.

Nachdem wir unser Abteil mit Gepäck und Mensch gefüllt hatten, ging es los. Nach kurzem Beschnuppern der „Üsserberg“-Lagerteilnehmer kamen wir bereits in Bern an, wo die alltägliche Hek-tik auf gewisse Gruppenmitglieder überschwappte. Im Gänsemarsch, mit Herrn Käser an vorderster Front, kamen wir mit leicht geröteten Gesichtern bei unserem grünen Zug in Richtung Wallis an.

Vorbei an Spiez und Thun, dem Thunersee und dem schönen Flachland ging es in Richtung von Kandersteg; in Richtung der schönen Schweizer Alpen. Abgesehen vom andauernden Ohrendruck und dem monotonen Rattern des Zuges, war der Eindruck und die Aussicht, in diesem Teil der Schweiz, atemberaubend.

„Ausserberg“, klang es aus der Durchsage und die Reisenden erhoben sich, nahmen ihr Gepäck und machten sich bereit für den Ausstieg. Da es sich um einen ziemlich kleinen Ort handelt, gehörten die An- und Abreise zu den Tagen mit der höchsten Personendichte am Bahnhof, wenn nicht gar die jeweiligen Rekordtage des Jahres. Begrüsst wurden wir durch den Gemeindepräsident Christoph Meichtry und Stefan Theler, dem stets orangegekleideten Üsserberger.

Nach kurzer Begrüssung fuhr Stefan mit unserem Gepäck bereits zu unserer Unterkunft und wir machten uns an den Aufstieg. Mit zunehmender Höhe kamen auch der Hunger und die Vorfreude auf die Unterkunft, wo bereits die ersten Lernenden begannen, ihre Pokémon zu fangen. Als Pikachu und Taubsi in ihren Pokébällen waren, wurden wir von Stefan’s Frau mit Spaghetti an einer Tomatensauce verwöhnt. Die Betten in der Zivilschutzanlage bezogen wir kurz vor dem Essen.

Nachdem sich die zwei ältesten Semester der Lernenden in die Küche verzogen um Frau Moser und Herrn Reimann zu helfen, gingen die Pokémon-Trainer ihre Wege, bevor dann die Seilzieh-Kennenlernrunde begann. Viele Namen, viele Hobbies und eine sehr grosse Abneigung gegen Spinat waren die Auftakte des Wochenstarts und des Kennenlernens. Mit Arbeits(platz)sicherheit und Verhaltensre¬geln im Lager ging es dann weiter und nach und nach rauchte ein Kopf nach dem anderen. Als dann auch noch Gruppenarbeiten angekündigt wurden, die einen Vortrag beinhalteten, war die Euphorie gedämpft und manch ein Grinsen verschwand.

Mit Verhaltensregeln, elektronische Medien und Ethik am Arbeitsplatz als Themen gingen die Gruppen ihre Wege um auch noch Plakate zu gestalten. Um 18:15 Uhr kam dann die Erlösung, es wurde zum Abendessen gerufen. Mit Salat, Erbsen und Karotten, Bratkartoffeln und Backofenfleischkäse wurde die Mannschaft versorgt. Die Stimmung war ausgelassen, die Vortragsstimmung vergessen.

Mit Hand- und Fussball wurde dann der Teamgeist der Lernenden gestärkt und die Ausbildner konnten sich ein bisschen von diesem ersten Tag erholen. Während sich die Lernenden ausschwitzten, konnten die Ausbildner ihr Gläschen Wein oder das kühle Bier, zusammen mit einer wunderschönen Aussicht, geniessen.

Beim Duschen und Zähneputzen endete dann der erste Tag. Die erste Nacht mit Lüftung begann.

6:10 Uhr wurde das Licht angeschaltet, die ersten Lernenden waren bereits unterwegs für den Küchendienst oder gingen ihren Hobbies nach. Mit am Vorabend gebackenem Zopf, Brot, Mü¬esli, Aufschnitt und Konfitüre konnte der Tag beginnen.

Als sich alle frisch gemacht hatten, ausgenommen der Küchentruppe, die sich um den Abwasch kümmerte, versammelten wir uns auf dem Platz unterhalb der Kirche. Mit Arbeitskleidung, Handschuhen, Trinkflasche und Znüni bewaffnet, teilten sich die Lernenden und Ausbilder auf verschiede Gruppen auf. Stefan und weitere Üsserberger wiesen dann die Gruppen in ihre Arbeitsplätze und –Tätig¬keiten ein. Es brauchte Konstrukteure für einen Zaun unterhalb des Schulhauses, Holzhacker für die Wintervorräte, Putzkolonnen für diverse Wasserläufe und vieles mehr. Manche kamen viel im Dorf herum.

Während der Morgen noch kühl und frisch war, wurde es mit jeder Minute wärmer. Schweisstreibend und anstrengend waren die Arbeiten im Freien und deshalb be¬kamen viele einen Mordshunger.

Gegen Mittag versammelten wir uns wieder bei der ZSA, wo wir die Arbeitskleidung gegen normale Klei¬dung tauschten, uns dann mit Riz Casimir eindeckten und die Teekanister leerten. Nach kurzer Verdau¬ungszeit gingen dann die Arbeiten in und um Ausserberg weiter.

Je höher man kam, desto schöner wurde die Aussicht und das Arbeiten bereitete mehr und mehr Freude. Egal wer mit wem arbeitete, es waren stets Teams und alle zogen am gleichen Strang. Ein Spass für die ganze Gruppe.

Mit Älpler Makronen, Apfelmus und gerösteten Zwiebeln als Abendessen war der Start in den Abend perfekt. Als die ganze Platte geleert war, die Lernenden satt und zufrieden, ging die Arbeit an den Plakaten und Vorträgen weiter. Plakate wurden fertig gestellt, Texte und Sketches geübt und allem voran gehofft, nicht die erste Gruppe sein zu müssen, die präsentieren durfte.

Nach Sketches zu Lernsituationen, zwei Kurzfilmen zum Verhalten am Arbeitsplatz und manch einer witzigen Anekdote waren die Vorträge vorbei, die Stimmung ungetrübt und ausgelassen, wenn auch überschattet von einer sich stetig ausbreitenden Müdigkeit.

Bald schon kam die freudig erwartete Schlafenszeit. Während aber am Abend zuvor das Schlafen mit der monotonen Lüftung kein Problem darstellte, war die zweite Nacht ein bisschen vorbelastet. Da die Lüftung sehr „laut“ war, mussten die Lernenden, aus Rücksicht auf den Schönheitsschlaf der Ausbildner, die Lüftung ausschalten. Mit knarzenden Betten und Schnarchnasen war der Schlaf erst nach längerer Zeit eingetreten.

Wie der erste Morgen, begann auch der zweite. Aufstehen, Frühstück, Arbeitskleidung montieren, Pokémon fangen und los ging’s. Fahrgemeinschaften wurden wieder zusammengewürfelt, Arbeitsplätze bezogen und mit kühler Luft und Sonnenschein die Arbeit begonnen.

Von Sägemehl, Staub und Dreck dekoriert fanden wir uns dann am Mittag wieder bei der ZSA ein. An diesem Tag wurden wir mit einer weltklassigen Polenta verköstigt. Dazu gab es Salat, Brokkoli und Rindsvoressen. Ein deftiges, herrliches Mahl.

Während manche noch am Essen waren, freuten sich andere schon jetzt darauf, am Abend eine ganze Stunde länger wachbleiben zu dürfen. Für das Abendessen wurde ein Walliser Raclette, gesponsert von der Gemeinde Ausserberg, angekündigt. Ein letztes Mal wurden die Arbeitsplätze bezo¬gen und bis zum Abend fleissig weiter gearbeitet.

Frisch geduscht, machte sich die „Ausbildungsverbund AarauWest“-Gruppe auf den Weg in die urchige, traditionell schweizerische Gaststube, wo wir vom Gemeindepräsident empfangen wurden. Einer nach dem anderen wurden wir von zwei Üsserberger mit Raclette, Kartoffeln, und typischen Raclette-Beilagen verköstigt. Als der Käse langsam begann schwer aufzuliegen, gab es ein Verabschiedungsritual. Am Abend hatte es angefangen zu regnen und das Wetter verschlechterte sich zunehmend. Ein gros¬ser Teil der Lernenden sammelte sich bei Taschenlampenlicht im Aufenthaltsraum. Es wurden Geschichten erzählt, die Wähenplatte geplündert, die Teekanister ein weiteres Mal geleert und viel gelacht. Als dann die Bettruhe eingeläutet wurde, begann die letzte Nacht in Ausserberg.

In der Nacht sank die Temperatur und ein starker, kühler Wind fegte über das Wallis hinweg. Das Wetter war selbst für die Ausbildner nicht mehr wanderfreundlich. Natürlich freute sich kaum einer der Lernenden auf die Absage der Wanderung, aber die Besichtigung des Stockalperschlosses in Brig war eine gute Alternative. Mit dem Postauto -leider ohne tatütata- ging es nach Visp, von dort mit dem Zug nach Brig. Grauer Himmel und eisige Böen trieben einen kurz vor der Besichtigung in die unzähligen kleinen Cafés rund um das Schloss, wo Tee und heisse Schokolade die Gemüter erhellte. Gewärmt betraten wir den Schlosshof, der mit einer Mischung aus Frühbarock, venezianischer Renaissance und orientalischen Zwiebeltürmen ein einzigartiges Erschei¬nungsbild bot. Das Schloss des ersten Schweizer Multimillionärs, dessen Vermögen, in Kühen ge¬rechnet, von Brig bis nach Genf reichte. Nach der Führung bekamen alle noch Zeit für sich, denn der Rückweg war erst für später geplant.

Zurück in Ausserberg gab es Steaks und Würste vom Grill, Polenta-Fladen und Wochenrückblick-Salat. Während des Mittagessens blinzelte sogar die Sonne zwischen den Wolken hervor, einzig der Wind wollte sich noch nicht verabschieden.

Wie bei jedem Lagerende kam nun auch das Packen und Putzen. Während die Putzteufel, ausgerüstet mit Besen und Putz(hilfs)mittel aller Art, sich die Unterkunft vornahmen, bereiteten Frau Moser und Herr Reimann ein letztes Zvieri für den Rückweg nach Aarau vor. Von Früch¬ten, über Brot, zu Schokolade gab es alles für den kleinen Hunger zwischendurch.

Da die Wanderung nicht stattfand und wir schnell und gründlich putzten, hatten wir plötzlich eine Stunde mehr, die zu füllen war. Das Zugabteil war erst eine Stunde später reserviert und somit durf¬ten wir uns im Café am Bahnhof von Ausserberg einfinden. Mit Cola, Rivella und Eistee wurde die letzte Stunde in Ausserberg gefeiert.

Als der Zug einfuhr, wir unseren letzten Wagen in Beschlag nahmen und fröhlich plauderten, schliefen bereits die ersten ein. Man merkte sofort, wer am letzten Abend noch ein bisschen länger dem Bett ferngeblieben war. Die Berufslernenden aber waren noch voller Energie und die Zeit bis nach Bern verging wie im Flug.

Angekommen in Bern verabschiedeten sich die ersten, im Zug nach Aarau die nächsten und in Aarau dann die letzten. Das letzte Wochenende vor dem Lehranfang hatte begonnen.

 

Sarah Stocker
Robin von Felten
Berufslernende Kaufleute
1. Lehrjahr